
Stade: Ein zu willkommener Selbstmord

Von Dagmar Henn
Kann ja sein, dass sich der Mann wirklich umgebracht hat. Es erstaunt aber. Schon allein, weil er das ja auch unmittelbar nach der Tat hätte tun können, was im Grunde zu dem Muster, das einem Amoklauf entsprach, besser passt. Stattdessen soll er sich Wochen später stranguliert haben.
Wie gesagt, es kann sein. Aber es ist vermutlich auch hoch willkommen, dass es keinen Prozess mehr geben wird. Wenn man die Aussage der Staatsanwaltschaft Stade gegenüber dem NDR betrachtet, vermutlich gar keinen:

"Nach dem Tod des 45-Jährigen wird das Verfahren gegen den Mann eingestellt. Gegen Tote könne nicht ermittelt werden, teilte die Staatsanwaltschaft Stade auf NDR-Anfrage mit. Die Ermittlungen gegen die Fahrerin des Fluchtwagens und die Mutter des gemeinsamen Kindes würden formal weitergeführt. Es werde aber alles eingestellt, wenn sich heraustelle, dass der Mann der alleinige Täter war und keine Straftaten Dritter vorliegen, betonte die Staatsanwaltschaft."
Das klingt schon relativ deutlich danach, dass eine Einstellung des Verfahrens gegen die Fahrerin das angestrebte Ziel ist. Das muss auch nicht wundern, schließlich ist diese Frau die Schwiegermutter des niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe. Das ist eine ehrenamtliche Position, die der Landtagsabgeordnete Deniz Kurku ausübt, aber auch eine der üblichen Wartestellungen für Höheres; die nächste Position könnte ein Ministeramt sein.
Wenn da nicht diese Geschichte mit der Schwiegermutter wäre. Und auch der Rest der niedersächsischen Landesregierung würde es vermutlich vorziehen, wenn nicht allzu sehr nachgebohrt wird, warum der mutmaßliche Täter, türkischer Staatsangehöriger, überhaupt in Deutschland war. Schließlich steht inzwischen wohl eindeutig fest, dass es einen gültigen Haftbefehl gegen ihn in der Türkei gibt. Die weiteren, noch nicht ganz bestätigten Details wie seine drei früheren Ehen und eine Verurteilung wegen Missbrauchs der eigenen Tochter werden jetzt jedenfalls nicht mehr endgültig geklärt werden, denn Teil einer Wahrheitsfindung vor Gericht werden sie jetzt nicht mehr.
Ebenso wenig wie die Frage der Beziehung Kurkus zu seiner Schwiegermutter oder einige Unklarheiten, die den Erwerb des als Fluchtfahrzeug genutzten Mercedes betreffen. Fragen, die womöglich in nicht ganz saubere Verwicklungen führen. Fragen, die die Zukunft mindestens Kurkus durchaus beeinflussen könnten.
Kurku, noch vor dem Abitur in die SPD eingetreten, hat zwei Jahre lang Politikwissenschaft studiert und verbrachte seitdem sein ganzes Dasein in der Politik, unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter zweier Bundestagsabgeordneter. 2011 kam er in den Stadtrat von Delmenhorst, und seit 2017 sitzt er im niedersächsischen Landtag. Außerhalb der Politik war er nie tätig.
Sicher, es kann alles so sein, wie es an der Oberfläche aussieht. Und Kurku hat keine Verbindungen in zweifelhafte Milieus, und seine Schwiegermutter hatte keine Ahnung, dass sie eine menschliche Zeitbombe kutschierte, deren Zünder schon gestellt war. Aber im Regelfall ist ein Suizid in einem Gefängnis nicht ganz so einfach. Und wenn die Behauptungen stimmen, dass er in der Türkei bereits eine Haftstrafe verbüßt hatte, ist schwer vorstellbar, dass die Haft in Deutschland ihn nun so erschüttert haben soll.
Die JVA Bremervörde, in der der Mann untergebracht war, ist übrigens teilprivatisiert. Und ihr Leiter, Dr. Arne Wieben, war zuvor Referent im niedersächsischen Innenministerium und Staatsanwalt in – Stade. Die bis zu 300 Häftlinge werden von einem Psychiater und mehreren Ärzten betreut.
Das Fazit des Ganzen? Es gäbe ein öffentliches Interesse an einem Verfahren gegen die Fahrerin des Fahrzeugs, nicht nur, weil ihr Verhalten während der Morde mindestens unterlassene Hilfeleistung, wenn nicht Beihilfe war. Sondern auch, weil damit zumindest die Möglichkeit bestünde, dass ein Teil der offenen Fragen geklärt wird. Und man kann den Gedanken auch umdrehen – sollte die Staatsanwaltschaft Stade den ganzen Fall beerdigen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass hier etwas faul war, zumindest auf über 50 Prozent.
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