Von Hans-Ueli Läppli
Es war einmal eine Zeitung, die man mit Respekt nannte. Die NZZ – unabhängig, scharfsinnig, manchmal unbequem, aber immer auf Augenhöhe mit der Schweiz. Heute ist sie eine andere.
Eine Zeitung, die ihre Leser verliert, deren Aktienkurs auf ein Allzeittief gefallen ist und die sich in einem Maße an deutsche Narrative angenähert hat, dass man sie getrost als "Neue Berliner Zeitung" bezeichnen könnte. Der Name "Zürcher" ist nur noch Etikette. Der Inhalt ist Importware.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der Aktienkurs der NZZ hat in den letzten Wochen ein neues Tief erreicht. Kleinaktionäre stoßen ihre Titel massenhaft ab. Die Gesellschaft kauft mit Stützungskäufen dagegen an und hat ihren eigenen Bestand in fünf Jahren fast verzehnfacht. Die Marktkapitalisierung liegt bei lächerlichen 180 Millionen Franken. Das einstige Flaggschiff der Schweizer Medien rangiert wirtschaftlich weit hinter Ringier, TX Group und CH Media.
CEO Felix Graf versucht nun, das sinkende Schiff mit einer Aufstockung bei der Plakatfirma APG auf 45 Prozent zu stabilisieren – ein 165-Millionen-Franken-Deal mit Fremdkapital, der bereits 30 Millionen Verlust eingefahren hat. Die liquiden Mittel sind in zehn Jahren um fast 70 Prozent geschrumpft. Das ist kein vorübergehender Dämpfer. Nach Einschätzung von Inside Paradeplatz handelt es sich um einen strukturellen Niedergang.
Die Germanisierung der Redaktion
Der entscheidende Grund liegt nicht in erster Linie bei der Konkurrenz durch 20 Minuten oder den Tages-Anzeiger. Er liegt im Inneren. Die NZZ hat in den letzten Jahren massiv deutsche Journalisten importiert – Menschen, die oft weder Schweizer Staatsbürger sind noch jemals länger in der Schweiz gelebt haben. Sie bringen ihre Berliner oder Hamburger Perspektive mit: eine Mischung aus transatlantischem Mainstream, woke-kulturellem Überbau und einer tiefen Abneigung gegenüber allem, was nicht ins progressive Narrativ passt.
Das Ergebnis ist eine Zeitung, die sich zunehmend wie eine Filiale des sogenannten deutschen Qualitätsjournalismus liest – nur teurer. Artikel über deutsche Innenpolitik, deutsche Debatten, deutsche Skandale dominieren. Die Schweiz kommt als Nebensache vor. Man liest über Selenskij-Hochjubelung und tägliches Russland-Bashing, als wäre man beim Tagesspiegel oder bei der Zeit.
Man liest Trump-Bashing, das sich kaum von der deutschen Leitmedien-Front unterscheidet. Man liest, wie gegen die 10-Millionen-Initiative aus allen Rohren geschossen wird – nicht mit schweizerischen Argumenten, sondern mit importierter Empörung.
Die Leser spüren das. In den Kommentarspalten, die die NZZ selbst kaum noch moderiert, wird es deutlich: Viele Abonnenten fühlen sich betrogen. Sie zahlen 335 Franken pro Jahr für eine "Linkensteuer", wie einer sarkastisch schreibt, und bekommen dieselben Schlagzeilen wie in jedem anderen Systemmedium.
"Go woke, go broke" ist kein rechter Slogan mehr, sondern eine schlichte Beobachtung. Die NZZ hat sich in den Wokesumpf geritten – und die Rechnung kommt jetzt.
Früher war die NZZ die Stimme der Schweiz, die sich nicht scheute, auch unpopuläre Wahrheiten auszusprechen. Heute wagt sie es nicht mehr. Sie bewegt sich sicher im erlaubten Korridor: Russland ist der Bösewicht, Selenskij der Held, Trump der Clown, die SVP eine Gefahr für die Demokratie, Migration ein Segen, Gender eine Selbstverständlichkeit. Alles andere ist "rechts", "verschwörungstheoretisch" oder einfach nicht salonfähig.
Das ist nicht mehr Journalismus. Das ist Kuratieren eines Narrativs. Und genau das spüren die Leser. Die Abonnentenzahlen sinken, die Werbeeinnahmen brechen ein, das Interesse versiegt.
Wer die gleichen Texte – nur etwas feiner formuliert – kostenlos bei t-online oder in der deutschen Presse lesen kann, zahlt nicht mehr 335 Franken im Jahr für ein digitales Abo. Die NZZ hat ihr Alleinstellungsmerkmal verspielt: die kritische Distanz zur eigenen politischen Klasse und zur internationalen Konformität.
Go woke, go broke
Die NZZ bewegt sich in ihrer Entwicklung näher an Tages-Anzeiger und Watson, wobei Watson häufig Texte von t-online nahezu unverändert übernimmt.
Als alle anderen Medien während der Corona-Jahre und des Ukraine-Kriegs in die gleiche Richtung marschierten, hätte die NZZ die Chance gehabt, sich als letzte echte Qualitätszeitung der Schweiz zu positionieren. Stattdessen ist sie mitmarschiert. Opportunistisch. Feige. Und jetzt bekommt sie die Quittung.
Kleinaktionäre verkaufen. Der Kurs fällt. Die Redaktion importiert weiterhin deutsche Journalisten, die die Schweiz nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Die Zeitung wird immer weniger zur "Neuen Zürcher", immer mehr zur "Neuen Berliner". Und die Leser – die letzten, die noch kritisch denken – drehen ihr den Rücken zu.
Es ist ein trauriger, aber gerechter Untergang. Eine Zeitung, die ihre Seele verkauft hat, hat irgendwann keine mehr. Die NZZ war einmal eine gute Zeitung. War einmal. Heute ist sie ein warnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man den Mut verliert, wirklich unabhängig zu sein – und stattdessen lieber Teil des großen, bequemen Mainstreams wird.
Die Schweiz verdient bessere Medien. Die NZZ hat sich selbst disqualifiziert.
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