
Warum hat sich Merz auf einen offenen Streit mit den USA eingelassen?

Von Geworg Mirsajan
"Immer schön lächeln und winken." Genau diese Politik verfolgten die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union im vergangenen Jahr gegenüber US-Präsident Donald Trump.
Als sie erkannten, dass keine Einigung mit dem Chef des Weißen Hauses zu erzielen ist, beschlossen sie, keinen öffentlichen Konflikt mit ihm zu riskieren. Sie stimmen ihm zwar zu, nennen ihn sogar "Daddy" – setzen aber gleichzeitig darauf, dass alle radikalen Vorhaben Trumps vom sogenannten "Deep State" in den USA vereitelt werden (wie es beispielsweise bei den Handelszöllen der Fall war). Das Ziel war es, diese Strategie zumindest bis zu den Zwischenwahlen zum US-Kongress (bei denen die US-Demokraten die Kontrolle über das Kapitol zurückgewinnen und Trump zu einer "lahmen Ente" wird) und höchstens bis zum Jahr 2028 durchzuhalten – nämlich bis der derzeitige exzentrische US-Präsident sein Amt niederlegt.

Nun ist jedoch einer der führenden Politiker der EU – der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz – von diesem Ansatz abgewichen und zu direkten verbalen Angriffen auf den US-Präsidenten übergegangen. Zunächst warf Merz Trump unüberlegte Maßnahmen gegen Iran vor. "Die USA haben offensichtlich keine Strategie. Das Problem solcher Konflikte besteht immer darin, dass man sich nicht nur auf sie einlassen, sondern auch wieder aus ihnen herauskommen muss", sagt er.
Anschließend warf er Trump faktisch vor, dass dessen Handeln die gesamten Vereinigten Staaten demütige. "Die Iraner verhandeln offensichtlich sehr geschickt oder, besser gesagt, sie vermeiden Verhandlungen sehr geschickt, indem sie die Amerikaner zunächst nach Islamabad einreisen lassen und sie dann wieder ohne jegliches Ergebnis wegschicken. Das ganze Land wird von der iranischen Führung gedemütigt", erklärte der Kanzler. Damit stellte er Trump sogar noch als Trottel dar.
Die Reaktion des US-Staatschefs ließ nicht lange auf sich warten. "Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hält es für normal, dass Iran über Atomwaffen verfügt. Er versteht überhaupt nicht, wovon er spricht … Kein Wunder, dass es Deutschland sowohl wirtschaftlich als auch in anderer Hinsicht so schlecht geht." Und er drohte damit, die US-Truppen aus Deutschland abzuziehen. Derzeit befinden sich 35.000 US-Soldaten in Deutschland, ebenso wie das Hauptquartier des Europäischen Kommandos der Vereinigten Staaten. Es werden bereits Pläne diskutiert, 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen.
Worin liegt der Grund für diese Kühnheit des sonst stets vorsichtigen deutschen Bundeskanzlers?
Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien an der Nationalen Forschungsuniversität "Higher School of Economics" (HSE) in Moskau, erklärt gegenüber der Zeitung Wsgljad:
"Merz wagt es, Trump zu widersprechen, weil er spürt, dass die politische Position des US-Präsidenten rapide schwächer wird. Trumps Beliebtheitswerte erreichen praktisch jede Woche einen neuen Tiefpunkt. Die USA werden in Europa immer unbeliebter, und zwar sogar bei den europäischen Rechtsextremen wie etwa den Parteien "Alternative für Deutschland" (AfD) oder "Rassemblement National" (RN). Die Wahlniederlage des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán hat nur unterstrichen, dass die Freundschaft mit Trump für europäische Politiker eine Last und kein Vorteil ist".
Es gibt jedoch noch zwei weitere Gründe. Der erste ist innenpolitischer Natur. Nicht zufällig erwähnte der US-Präsident die Lage in Deutschland, dessen Wirtschaft sich seit dem Jahr 2022 in einer Rezession befindet. Die Deindustrialisierung, der Verlust von Auslandsmärkten (unter anderem aufgrund des von den USA ausgelösten Handelskriegs) und der Verzicht auf russische Energieträger führten dazu, dass das Wirtschaftswachstum nahezu auf null sank.
Im Jahr 2026 wird sich die Lage weiter verschärfen – zum Teil aufgrund des Krieges in Iran, zum Teil aber auch, weil Friedrich Merz einen umfassenden Prozess der Remilitarisierung des Landes auf Kosten ausländischer Finanzmittel in Gang setzte (wozu die "Schuldenbremse", die dem Land massive Kreditaufnahmen auf den Außenmärkten untersagte, gesetzlich aufgehoben wurde).
Infolgedessen zeigen die deutschen Bürger ihre Unzufriedenheit nicht nur im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage, sondern auch gegenüber ihrem Bundeskanzler. Laut einer von der Zeitung Bild durchgeführten Meinungsumfrage belegt Friedrich Merz den "ehrenvollen" 20. Platz in der Liste der 20 beliebtesten Politiker Deutschlands. Und dies stellt nicht nur einen landesweiten Trend dar – von den Wählern seiner eigenen Partei, der CDU/CSU, stehen lediglich zehn Prozent Merz positiv gegenüber. 58 Prozent sind hingegen negativ eingestellt.
Suslow erläutert:
"Merz' Beliebtheit in Deutschland ist geringer als die von Trump in den USA. Aus diesem Grund macht er Trump für die Verschärfung der Wirtschaftslage in Deutschland, Europa und der Weltwirtschaft insgesamt verantwortlich. Er versucht im Grunde, seine eigene innenpolitische Position zu retten, indem er die Schuld für die sozialwirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands auf andere abwälzt."
So musste man in Deutschland vor Kurzem die Prognosen für das BIP-Wachstum im Jahr 2026 nach unten korrigieren (von 1 auf 0,5 Prozent). Schuld daran ist laut dem deutschen Finanzminister Lars Klingbeil "Trumps unverantwortlicher Krieg gegen Iran".
Und Merz' Äußerungen finden in Deutschland Gehör.
Dmitri Ofizerow-Belsskij, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärt gegenüber der Zeitung Wsgljad:
"Die Deutschen haben zahlreiche Gründe, mit den USA unzufrieden zu sein. Dazu gehören sowohl die Vorfälle an den Nord-Stream-Gaspipelines (an deren Sprengung die Amerikaner ihre Hand im Spiel hatten) als auch die Telefonüberwachung von Angela Merkel und Trumps Zolltarife. Die USA verhalten sich gegenüber den Europäern äußerst respektlos, und Europa versucht im Gegenzug, zumindest auf rhetorischer Ebene zu reagieren."
Nicht nur Trump steht in der Kritik. Die Spitzenpolitiker der CDU/CSU, deren Popularität ebenso wie die von Merz rapide sinkt, machen auch die Brüsseler Bürokratie unter der Leitung ihrer eigenen Parteikollegin Ursula von der Leyen für diese Krise verantwortlich: Sie sei nicht in der Lage, die wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen die EU steht, effektiv zu bewältigen, und daher müsse die bürokratische Maschinerie abgebaut werden. Darauf wies auch Merz selbst bei seinem Treffen mit der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Januar hin.
Der zweite Grund für die Vorwürfe gegen Trump und Ursula von der Leyen ist außenpolitischer Natur. Merz strebt danach, die von Trump weggeworfene Krone dessen, was einst als "Kollektiver Westen" bezeichnet wurde, für sich zu beanspruchen.
Suslow kommentiert:
"Der deutsche Bundeskanzler versucht, sich als neuer Führer des kollektiven Westens zu positionieren, der sich gleichzeitig sowohl gegen Trump als auch gegen Russland stellt. Damit tritt er auch in Konkurrenz zu Ursula von der Leyen, die ebenfalls ähnliche Führungsambitionen hegt."
Seinen Worten zufolge sei es seit Langem bekannt, dass die Beziehungen zwischen Merz und Ursula von der Leyen äußerst konfrontativ verlaufen. Und nun, als Merz diese neue Rolle für sich beanspruche, verschärfe er diesen Wettbewerb mit der EU-Kommissionspräsidentin noch weiter – unter anderem durch Vorwürfe der Bürokratie und Ineffizienz.
Genau aus diesem Grund positioniert sich Merz als Verteidiger der EU gegen Trump.
Ofizerow-Belsskij sagt:
"Die US-Politik zielt darauf ab, Europa durch die Schaffung einer Energieabhängigkeit von den USA, die Verstärkung der US-Militärpräsenz in den EU-Ländern und so weiter zu unterwerfen. Hinzu kommen noch die künstlich herbeigeführten Krisensituationen, wie die Coronavirus-Pandemie und die Lage um die Straße von Hormus."
Die Frage ist nur, ob Merz tatsächlich in der Lage ist, Europa Schutz vor diesen Herausforderungen zu bieten. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dies nicht der Fall. Deutschland allein wird eine Konfrontation mit den USA nicht bewältigen können.
Es gibt zwei Lösungsansätze für dieses Problem. Der erste besteht darin, sich auf die Europäische Union als Ganzes zu stützen. Dabei müsste man von dem aus Sicht einiger europäischer Länder umstrittenen Anspruch Deutschlands auf eine alleinige Führungsrolle in der EU absehen und sich darauf konzentrieren, die Union als eine Art Motor der Integration zu festigen (wie es Angela Merkel zuvor getan hat). Dafür ist jedoch die Unterstützung Brüssels erforderlich, mit dem sich Merz derzeit in einem Konflikt befindet.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, sich auf einen externen Player zu stützen, der an der Stabilität auf dem europäischen Kontinent interessiert ist und in der Lage ist, mithilfe seiner Armee, günstiger Energieressourcen und seines Marktes aktiv zu dieser Stabilität beizutragen. Damit ist Russland gemeint, mit dem sich Merz derzeit in einem Konflikt befindet.
Und solange Deutschland mit den USA, Brüssel und Moskau im Konflikt steht, wird es keinen dieser Konflikte gewinnen können. Und Merz wird es nicht gelingen, sich vom Rebellen zum Revolutionär oder zum Führer zu wandeln. Er wird weiterhin am Ende der Umfragelisten rangieren.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 2. Мai 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
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